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Eugen Richter

1838 bis 1906

Eugen Richter (* 30. Juli 1838 in Düsseldorf; † 10. März 1906 in Groß - Lichtenfelde, einem Vorort von Berlin) war ein deutscher Politiker (Deutsche Fortschrittspartei, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei) und Publizist in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs.

Er wird als einer der besten Rhetoriker des Preußischen Abgeordnetenhaus und des Deutschen Reichtags angesehen.

Richter war seinerzeit einer der ersten Berufspolitiker und konsequenter Vertreter des Manchesterliberalismus in Deutschland.

Kindheit und Schulzeit

Eugen Richter wurde geboren als einer von zwei Söhnen des Ehepaars Adolph Leopold Richter (1798–1876) und Bertha Richter, geb. Maurenbrecher.

Sein Vater war wie schon der Großvater Militärarzt, bis 1848 als preußischer Regimentsarzt in Düsseldorf und danach als Generalarzt in Koblenz.

Seine Mutter stammte aus einer in Düsseldorf alteingesessenen Familie von Postmeistern.

Zu seiner Verwandtschaft gehörten Adolf Richter, Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft, und sein Cousin, der Historiker Wilhelm Maurenbrecher, im Gegensatz zu Richter entschiedener Anhänger Bismarcks.

In Düsseldorf besuchte er bis zur Quinta die Krumbach’sche Privatschule und wechselte dann mit dem Umzug der Familie auf das örtliche Gymnasium in Koblenz, wo seine späteren Parlamentskollegen der Zentrumspartei Karl von Huene  und Hermann Mosler zu den Mitschülern zählten.

Als ihm 1855 die Aufgabe übertragen wurde, eine Rede zum Geburtstag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu halten, versuchte er „etwas von Verfassungsrechten und angestammten Freiheiten unter Bezugnahme auf die Schweizer und Niederländer hineinzubringen“

Studium und Berufstätigkeit

Zum Wintersemester 1856 nahm Eugen Richter das Studium derRechts- und Kameralwissenschaften an der Universität Bonn auf.

Bereits zum Sommersemester 1857 wechselte er an die Universität Heidelberg, wo er für drei Semester blieb und insbesondere Vorlesungen bei Karl Heinrich Rau hörte sowie dessen Kollegien und Seminarübungen besuchte.

„Dort gehörte er bald zu einem kleinen Kreise badischer Kameralisten, die in Raus Studierstube zusammenkamen und volkswirtschaftliche Fragen gründlich erörterten.“

Er schrieb Artikel, so etwa über die Geldkriese von 1857 und die Suspension der Wuchergesetze, die er Zeitungen zur Veröffentlichung anbot.

Im Wintersemester 1858–1859 studierte er Jura an der Friedrich Wilhelm Universität zu Berlin, bei Gneist.

Im Sommersemester schloss er das Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab.

Nachhaltigen Einfluss übten Robert von Mohl Theorie des Rechtsstaats und die nationalökonomischen Ansichten Karl Heinrich Raus auf ihn aus.

An den Kongressen deutscher Volkswirte nahm Richter von 1858 bis 1865 teil.

Hier lernte er Hermann Schulze - Delitzsch, Karl Braun (Politiker, 1822), Lette, Hermann Becker(genannt der ‚rote Becker‘),Prince Smith, Faucher, Engel, Max Wirth und andere kennen.

Durch Hermann Schulze-Delitzsch wurde er Anhänger von dessen Genossenschaftsidee.

So verfasste er in dessen Auftrag eine Broschüre.

1863 nahm er als Delegierter am ersten Vereinstag Deutscher Arbeitervereine teil und sah hier erstmals seinen späteren politischen Gegner August Bebel.

Während seiner Ausbildung im preußischen Justizdienst verfasste er 1862 in Düsseldorf eine Broschüre über Die Freiheit des Schankgewerbes, die sich für eine Reform der preußischen Gewerbepolizei aussprach.

Diese Veröffentlichung erregte ebenso wie eine in der ‚Niederrheinische(n) Volks-Zeitung‘, 1862 veröffentlichtes Feuilleton Eine Magdeburger Spukgeschichte aus dem Jahre 1862 die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten und führten zu Disziplinarmaßnahmen.

Als die Behörden seine Wahl zum Bürgermeister von Neuwied ablehnten und er 1864 ohne Bezüge nach Bromberg versetzt werden sollte, schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus.

Im Dezember 1864 hatte er sein Examen als Regierungsassessor abgelegt.

Auf Drängen seiner Eltern widmete er sich zuerst nicht dem Journalismus, sondern nahm 1865 eine Stelle als Hilfsarbeiter bei der „Magdeburger Feuerversicherung“ an, wo er sich um die Pressearbeit kümmerte und in Magdeburg den ‚Neuen Magdeburger Konsumverein‘ unterstützte.

Im Juli 1865 wurde eine Versammlung der Kölner Fortschritts Partei durch den Innenminister Graf Friedrich zur Eulenburg aufgelöst, daraufhin beteiligte sich auch Richter an einer Protestversammlung des Magdeburger Bürgervereins.

Richter schrieb u. a. für die Blätter für Genossenschaftswesen.

Anfang 1866 ging er wieder nach Berlin, wo er allein von seiner Tätigkeit als Journalist lebte.

Zum gleichen Zeitpunkt wurde Richter in das „Centralkomitee für die Berliner Reichstagswahlen gewählt.“

Es kann angenommen werden, dass er spätestens jetzt Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei war.

Richters politische Anschauungen

Eugen Richter vertrat während seiner gesamten politischen Tätigkeit die Positionen des Manchestertums, unabhängig von der sozialen oder politischen Entwicklung, und ordnete jede finanz- oder sozialpolitische Frage dieser Maxime unter.

„In der Freiheit findet die Selbstsucht eine Schranke in der Selbstsucht des Andern. Derjenige, der möglichst vorteilhaft verkaufen will, findet ein Hindernis in den Bestrebungen derjenigen, die möglichst vorteilhaft kaufen wollen.

Wird dem einen mit dem andern Teil die Freiheit gelassen, so müssen beide ihre Selbstsucht dem gemeinsamen Interesse unterordnen“.

Richter meinte, dass der „kleine Arbeiter“ ein „kleiner Unternehmer“ zu werden versucht, „aus dem kleinen ein größerer Unternehmer“ und nach dem Kauf eines Hauses etc. schreckt er „dann selbst nicht vor der Aussicht zurück, es am Ende bis zum Kapitalisten zu bringen. (…) Auch Borsig, der Millionär, war ursprünglich ein so kleiner Mann.“

Richter trat für die Konstitutionelle Monarchie und die Rechte des Parlaments in Budgetfragen sowie für die Ministerverantwortlichkeit ein.

Sein Spezialgebiet waren die Etatberatungen, in denen er den Ministern Jahr für Jahr ihre Fehler vorrechnete.

Er überprüfte akribisch jeden einzelnen Haushaltstitel, und die Entdeckung getarnter Etatposten wie des „ausgestopften Hauptmanns“ (1870) in  Preußen machten ihn bekannt.

Er sprach vom „Pfennig des Steuerzahlers“, und Franz Mehring nannte ihn einen „Rechenknecht“. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Haushaltsdebatte und insbesondere die Steuerpolitik.

Er ließ seine Fraktion als einzige gegen Johannes von Miquels Steuerreformen stimmen, die dem Staat zu hohe Einnahmen garantierten.

Aus grundsätzlichen Gründen bekämpfte er die Schutzpolitik Bismarcks.

Die beginnende Erwerbung von Kolonien für das Deutsche Reich lehnte er nicht grundsätzlich ab, sondern ließ sich vom ökonomischen Nutzen leiten.

So kritisierte er den Erwerb des „Sandlochs Angra - Pequena“ ( Südwestafrika), aber auch hier standen wirtschaftliche Argumente und Vorteile für das Deutsche Reich mehr im Vordergrund als grundsätzliche politische Erwägungen.

Die bismarckchen Sozialgesetze lehnte er fast alle ab.

Er stand „allen staatlichen Machtfragen wie dem sozialen Problem verständnislos gegenüber und wirkte jeder Ausdehnung staatlicher Befugnisse entgegen.“

Sein Hauptgegner war der Kanzler Otto von Bismarck.

Die Indemnitätsvorlage von 1866, die Bismarck Straffreiheit gewährte, hat die 1861 gegründete Fortschrittspartei „in den Schatten der mächtigeren Nationalliberalen gestellt“.

Schon vor Bismarcks Wendung zu einer konservativen Wirtschafts- und Sozialpolitik „machte (er) so ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen unmöglich“.

Richters ständiger Widerspruch reizte den Kanzler einmal bis zu der Drohung, den Raum zu verlassen, sobald Richter das Wort ergreife, „weil der oppositionelle Duft, welcher die ganze Person umgibt, meine Nerven affiziert“.

Richter verkannte Bismarcks Ziel, sowohl die Sozialdemokratie als auch die Liberalen zu schwächen.

Die Fortschrittspartei verlor in der Reichstagswahl 1878 neun Mandate.

Neben Bismarck bekämpfte er, als zweiten Hauptgegner, die sich entwickelnde sozialistische Arbeiterbewegung und die junge Sozialdemokratische Partei.

Bereits in seiner Schrift Die Fortschrittspartei und Sozialdemokratie machte er deutlich, was das Ziel seiner Partei war: „Lassen Sie uns den Kampf der Fortschrittspartei mit den anderen politischen Parteien nach rechts hin immer als Nebensache betrachten und verweisen wir unsere Freunde, wie andere politische Parteien, darauf, daß es unsere Hauptaufgabe ist, den uns allen gemeinsamen Gegner, die Sozialdemokratie, zu besiegen“.

In einem Flugblatt der Fortschrittspartei heißt es: „Das persönliche Eigentum will man (gemeint sind die Sozialdemokraten) aufheben.“

Er lehnte Ausnahmegesetze durchgehend ab.

So lehnte er auch den Kulturkampf gegen die katholischen Kirche, die von den Antisemiten geforderten Sondergesetze gegen die Juden, die Jesuitengesetze oder die Polengesetze ab.

Auch das sog. Ausnahmegesetz ( Soziallistengesetz) lehnte er ab.

Gleichzeitig aber bekämpfte er die Sozialdemokraten, indem er 1878 zur Wahl des freikonservativen Robert Lucius aufrief oder im Reichstag der Polizei „ungeschickte Handhabung des bestehenden Gesetzes vor(warf)“.

Eine Biografin spricht von „Scheinopposition“.

Gegen den Antisemitismus Stöckers und dessen Christlich Sozialer Partei nahm er konsequent Stellung und verurteilte alle Versuche, den jüdischen Mitbürgern ihre Rechte zu nehmen.

Wegen seiner Verteidigung der jüdischen Mitbürger gegen die Angriffe der antisemitischen Bewegung wurde Richter von Ernst Henrici als „Judenknecht“ bezeichnet.

Auch antisemitische Artikel im Vorwärts wurden von Richter bis kurz vor seinem Tod noch in der Freisinnigen Zeitung heftig kritisiert.

Für die Aufnahme von Grundrechten konnte er sich nicht immer entscheiden, und seine Partei lehnte sie 1870 als „unzeitgemäß“ ab.

In der ihm mitgetragenen Zeitschrift Der Volksfreund wurde die Annexion Elsaß - Lothringen gefordert.

Nach dem Urteil der Zeitgenossen und aller Historiker gehört Eugen Richter zu den markantesten Parlamentariern der wilhelminischen Epoche.

Neben Bismarck, Bebel und Ludwig Windthorst war er einer der besten Rhetoriker im Reichstag.

Richter sprach immer von seinem Platz aus und ging nie an das Rednerpult.

Er war der wichtigste Widerpart des Kanzlers Bismarck in Parlament.

Richters Worte: „Wozu noch diskutieren, stimmen wir ab.“ (1887) und „Die Mehrheit des Reichstages ist ein Angstprodukt der Wähler“. (9. März 1887) verzeichnet sogar der Büchmann

Journalist

Titelblatt der Freisinnigen Zeitung vom 1. Juni 1892 mit einem Teil des Leitartikels Nieder mit den Antisemiten!

Erste Schritte als Journalist machte Richter bereits während seiner Studienzeit.

1858 konnte er einige Artikel bei der Illustrierten Zeitung platzieren.

Seine Beiträge wurden mit „fünf Pfennige(n) die Druckzeile“ honoriert.

Richter veröffentlichte Beiträge in der von s Ludolf Parisius herausgegebenen Wochenzeitschrift: Der Volksfreund.

Eine Wochenschrift für Stadt und Land (1867–1872).

Parisius war der Herausgeber und auf dem Titel wurden Dr.Löwe (Calbes), Richter, Dr. Max Hirsch und Moritz Wiggers genannt.

Als Nachfolgeorgan wurde der „Reichsfreund.

Neues Wochenblatt für Stadt und Land“ ins Leben gerufen.

Herausgeber waren Hugo Hermes, Richter und Ludolf Parisius.

Der Titel bezog sich ironisierend auf den insbesondere von Otto von Bismarck häufig erhobenen Vorwurf, die Fortschrittlichen seien „Reichsfeinde“.

Im Jahr 1885 begründete er die Freisinnige Zeitung, für die er als alleiniger Herausgeber fungierte und fast alle Artikel selbst verfasste.

Die Gründung des „Verlages ‚Fortschritt‘ Aktiengesellschaft“ war seine Idee.

Aktionär konnten nur Parteimitglieder werden, um sicherzustellen, dass kein Einfluss Fremder auf die Richtung der Zeitung genommen werden konnte.

Der Nennwert der Aktien betrug je 200 Mark.

Richter nutzte die Zeitung, um seine „autokratische Führung“ zu festigen, und erzeugte so Spannungen in der Partei, die schließlich zur Spaltung 1893 beitrug.

Anders als Richter sah Bebel seine Haltung gegenüber der Freisinnigen Zeitung nicht so verkrampft wie Richter selbst.

Seitens der Reichsregierung wurden verschiedentlich die Angaben auf den Flugblättern aus dem Verlag ‚Fortschritt‘ amtlich in der Lokalpresse korrigiert.

Der bekannte Berliner Journalist Isidor Kastan schreibt, dass der Freisinnigen Zeitung „die satirische Anmut völlig abging“ und dass Richter den jungen Paul Schlenther wegen einer Kleinigkeit fristlos mit einer „offenen Postkarte“ kündigte.

Insgesamt machte die Freisinnige Zeitung Verluste, die durch eine Dotation zu Richters 50. Geburtstag 1888 mit 100.000 Mark, eine ähnliche Spende zu seinem 60. Geburtstag 1898 und nicht zuletzt durch die Erbschaft seines Bruders Paul Richter ausgeglichen werden konnten.

Bis 1904 waren insgesamt ca. 1 Million Mark Schulden getilgt

Publizist

Richter verfasste zahlreiche Broschüren, meist Reden aus dem Reichstag oder von Versammlungen seiner Partei.

Die stenografischen Berichte hatten den Vorteil, dass sie nicht unter die Zensur fallen konnten, weil sie „nach dem amtlichen Protokoll“ veröffentlicht wurden.

Eugen Richter als linksliberaler Politiker trat für die Pressefreiheit ein, die es aber im Deutschen Reich nicht wirklich gab.

Schwerpunkte der Themen waren die aktuellen Debatten im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus.

Die Broschüren sind fast alle nach demselben Schema aufgebaut, und ihre Titel begannen häufig mit dem Wort „Gegen“.

Zu den ersten politischen Erfahrungen Eugen Richters gehörte seine Mitarbeit an den von Schulze-Delitzsch inspirierten Konsumgenossenschaften.

Dieser speziellen Idee hielt er lebenslang die Treue.

In seiner Schrift: Die Consumvereine, ein Noth- und Hilfsbuch, für deren Gründung und Einrichtung betonte er den „Gegensatz zu Lassalle.“

Die Gründung von Konsumvereinen in Deutschland „ging[en] nicht wie in England von einfachen Arbeitern aus, sondern von Männern, welche den gebildeteren Classen angehörig“sind, und „viele Consumvereine verdanken ja gerade der Anregung der Fabrikanten ihr Entstehen.“

Richter schlug nun vor, „§ 1“ seiner Musterstatuten, den „erzielten Gewinn jedem einzelnen Mitgliede (als) Kapital“ ansammeln zu lassen.

Es ging Richter nicht so sehr um die Emanzipation des Arbeiterstandes bzw. der Arbeiterklasse, sondern um den „Grundsatz der Selbsthülfe und der wirtschaftlichen Leistung und Gegenleistung“.

Da Lassalle Produktivgenossenschaft mit „Staatshülfe“ forderte, befand er sich schon im Gegensatz zur Fortschrittspartei.

Viel gravierender aber war, das Lassalle eine selbstständige Arbeiterbewegung proklamierte, die auch in Konkurrenz um die Wählerstimmen mit den Liberalen treten sollte.

Dass Lassalle auch versuchte, mit Bismarck Absprachen zu treffen, nahm Richter zum Anlass, seine 1865 erschienene Broschüre Die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland seit dem Tode Ferdinand Lassalles zu veröffentlichen. Darin wertete er fast nur Zeitungsberichte der verschiedenen sozialdemokratischen Splittergruppen des ADAV aus. Seine wichtigste Schlussfolgerung aus diesem Buch war, dass die Sozialdemokratie und somit die gesamte organisierte Arbeiterbewegung ihre Entstehung und Existenz allein Bismarck verdankt.

Richters Kredo lautete: „Die Fortschrittspartei unter der Führung von Schulze-Delitsch“ ist „stets bestrebt gewesen, dem Aberglauben von der Macht des Staates entgegenzuwirken, den Einzelnen auf sich selbst und die eigene Kraft zu verweisen und die Verantwortlichkeit des Staates für das Wohl des Einzelnen zurückzuweisen“.

Wirtschaftspolitisch ging er davon aus, dass die „absolute Produktivität des Großbetriebes aber (…) ein großer Irrtum“ sei